|
Leseprobe
Es war es immer
wieder der gleiche, er hatte mit meiner Zeit in der Fremdenlegion
zu tun und manchmal mit Tel Aviv, wo ich mich 1991 aufhielt, während
der Irak Bombenangriffe auf Israel startete. Ich habe dort nichts
Schlimmes aushalten müssen, und Heinrich Strübig fällt
mir da ein; drei Jahre lang angekettet. Als Geisel. Im Libanon.
Ich sprach mit Strübig und auch mit vielen anderen, alles Menschen,
die in ähnlichen Situationen weit mehr hatten durchstehen müssten,
als ich. Auch in ihren Träumen. Meine Geschichte war ausgestanden,
aber dieser eine Traum hielt sich hartnäckig. Bis ich schließlich
auf Remote Viewing stieß. So etwas wie Meister Proper fürs
Unterbewusstsein. Auch: Psychohygiene.
Sechs Jahre
später, September 2001. Wann die ganze Geschichte begann? Das
ist leicht. Denn wir hatten nur noch wenige Tage bis zum elften
September. Ich halte es nebenbei gesagt bis heute für konstruiert,
diese Vorkommnisse mit dem 11. September in Verbindung zu bringen;
keiner kann das beweisen. War auch nur so eine Gedankenstütze.
Denn ich werde nicht vergessen, dass ich zwei Tage vor dem 11.9.
Familienbesuch erwartete, und am Morgen dieses Tages brauchte ich
nur die Augen zu schließen und wurde schier erschlagen von
Bildern vor meinem geistigen Auge. Was lag also näher, als
die Eindrücke dem bevorstehenden Besuch zuzuordnen? Warum auch
hätte ich etwas anderes annehmen sollen? Ich notierte einige
der Bilder und sprach mit meiner Frau und auch mit einer Freundin
darüber. Es wäre doch lustig, sagte ich, wenn wir später
überprüfen, in welchem Zusammenhang meine Eindrücke
mit dem Besuch stehen. In ein paar Stunden mussten sie hier sein.
Die Bilder standen, wie sich herausstellte, natürlich in keinem
Zusammenhang mit unserem Besuch; sehr wohl aber mit dem Anschlag.
Aber auf das Feedback musste ich erst noch zwei Tage warten. Einige
Fernsehbilder, Männer in Latzhosen, herumliegende einzelne
Schuhe, sah nicht zum ersten Mal; einige dieser Bilder kannte ich
bereits, schließlich hatte ich sie ja notiert und mit meiner
Frau und mit einer Freundin drüber gesprochen. In meiner Wahrnehmung
waren die Bilder bereits zwei Tage alt. Das irritierte mich etwas.
Oder sagen wir mal so: ich sah die Sache plötzlich mit anderen
Augen.
Institut für
Psychohygiene. Der Name allein löste damals bei mir merkwürdige
Assoziationen aus. Wahrscheinlich ist das in Fachkreisen jedem bekannt,
aber für alle Nichtfachleute sei hier noch mal gesagt: IGPP
steht für Institut für Grenzgebiete der Psychologie und
Psychohygiene und ist der Universität Freiburg angegliedert.
Man erforscht dort, am IGPP, Anomalien (außersinnliche Wahrnehmung,
veränderte Bewusstseinszustände, Psychokinese und dergleichen).
Unter anderem berät das IGPP aber auch Menschen mit außergewöhnlichen
Erfahrungen. PSI-Geplagte wie du und ich. Man kann dort anrufen
und spricht dann zum Beispiel mit Menschen wie Frau Wiedemer. Frau
Wiedemer kommt nicht psychologisch rüber; sie ist ganz locker
dabei, das entkrampft, und sie sagt manchmal Dinge wie Hokidoki.
Nicht, das ich verkrampft gewesen wäre, als ich im September
2001 das erste Mal beim IGPP anrief. Aber war ich von den Erfahrungen
der vergangenen Wochen doch etwas irritiert und der Begriff Psychohygiene
hatte, wie ich fand, so einen Beigeschmack.
Mich interessierte
vor allem: Bin ich einer von vielen mit derselben Geschichte? Wie
ungewöhnlich ist mein Anliegen? Und dann diese Sache mit den
Bildern. Was ist das? Was kann das? Was soll das? An manchen Tagen
klingelt das Telefon beim IGPP ununterbrochen. Es kommt vor, dass
fünfzig Leute täglich anrufen, aber das ist nicht immer,
und auch der Tag meines Anrufes wohl eher ein ruhiger Tag. Jedenfalls
bekam ich Frau Wiedmer gleich ans Telefon. Mein Anruf war ganz normal
und nicht weiter bedenklich und durchgeknallt sind auch die anderen
Anrufer meist nicht, es sind eigentlich ganz normale Menschen. Nur
meine Geschichte, die schien nicht so gewöhnlich. Schon deshalb
nicht, weil Personen, die sich an das IGPP in Freiburg wenden, die
Mehrheit jedenfalls, meist aufgrund ihrer Besorgnis anrufen; sie
fürchten sich vor Geistern im Haus, sind von Vorahnungen geplagt
oder von immer wiederkehrenden Träumen. Ich hatte eine belustigende
Neuentdeckung gemacht. Meine einzige Besorgnis lag darin, mich mit
dieser Entdeckung lächerlich zu machen.
"Na, dann
erzählen Sie doch mal", sagte Frau Wiedemer. Und ich erzählte
all diese Sachen und, dass ich mich im Grunde gesund fühle,
dass es mir gut ginge, wirklich, bloß, dass ich da etwas sehr
Ungewöhnliches entdeckt hatte und dass dieses Es einfach so
zu mir kam, völlig unspektakulär, einfach so, beim Aufwachen;
nicht in einem Bergdorf im Himalaja oder während einer Wellness-
und Duft-Qi-Gong-Behandlung in Bad Birnbach; ich wachte einfach
eines Morgens auf, und es war da. Ich wachte eines Morgens auf und
hatte das Gefühl, ich müsse jetzt mal Gegenstände
suchen - allerdings ohne mich aus dem Bett zu bewegen. Von Remote
Viewing hatte ich natürlich keinen blassen Schimmer. Ich schickte
meine Frau los, sie möge doch mal einen Gegenstand aus der
Küche nehmen und ihn irgendwo in der Wohnung platzieren. Das
tat sie dann auch und als sie zurück kam, sagte ich ihr, welcher
Gegenstand es war. Es stellte sich heraus, dass mein Bett damit
nichts zu tun hatte.
Einige wochen
zuvor hatte ich mir ein Buch gekauft. Ich hatte Zeit, also dachte
ich, ich könnte mal etwas Kreatives tun, so habe ich mir über
amazon.de dieses Buch bestellt. Steigern Sie Ihre Kreativität
u.s.w . Der Titel machte einen unverfänglichen Eindruck auf
mich, aber als ich einige Tage später den Karton öffnete,
war mir klar: Das Ding hättest du im Laden sofort wieder ins
Regal gestellt. "Schlüssel zum inneren Helfer" -
viel zu esoterisch das Ganze. Das Problem ist, ich kann Büchern
nichts antun, geschweige denn sie wegwerfen. Leider besitze ich
einen gewissen Respekt vor Büchern. Man kann mir das glauben
oder nicht, aber lange habe ich mich sogar geziert, wichtige Textpassagen
in meinen Büchern zu unterstreichen. Randnotizen? Das war in
meinen Augen etwas für Menschen, die Behindertenparkplätze
blockieren und fünf Euro für ein Schinken-Sandwich verlangen.
Wenn ich heute auch in Bücher herumkritzele, es bleibt dieses
unwohle Gefühl, und es würde mich nicht wundern, käme
eines Tages aus den Zeilen eine gräuliche Buchstabenhexe, die
einem Frevler wie mir mit ihren langen Hexenfingern das Gesicht
zerkratzt und mich dann anhaucht (Liebe Leute von Amazon! Ihr könnt
also aufhören, mir diese Mails zu schicken; verdienen sie 10.000
Euro an Ihren bisher bei amazon gekauften Büchern. Glaubt mir.
Die will keiner mehr!). Unterstreichen ja. Aber ein Buch wegwerfen?
Ich kann kein Buch einfach wegwerfen. Also las ich es.
Ich eignete
mir fünf Wochen lang ein simples Meditationsprogramm an; dessen
Ende zielte darauf ab, die rechte Gehirnhälfte ein bisschen
zu kitzeln. Visualisierungsübungen. Mit zwei Fingern große
Möbelstücke herumtragen. Alpha-Wellen produzieren und
durch Wände gehen - solche Sachen. Nachdem ich das fünf
Wochen getan hatte, funktionierten plötzlich andere Sachen:
Jemand nannte mir den Namen einer unbekannten Person und ich beschrieb
die Person. Und sagte zum Beispiel: "Hat ein Problem mit der
Wirbelsäule" oder: "Hat einen Herzfehler." Eines
Morgens erwachte ich mit dem Eindruck, ich müsse Gegenstände
suchen. So kam das.
Und davon stand in dem Buch nichts.
Selbstbetrug.
Das war die einzige Erklärung; großer, großer Selbstbetrug:
in der eigenen Wohnung, mit der eigenen Frau, dazu noch im Bett,
das war garantiert nichts fürs Fernsehen und als eine wissenschaftlich
abgesicherte Versuchsanordnung galt das sicher auch nicht. Weiterhin
vom Selbstbetrug überzeugt, dehnte ich das Ganze aus; ich rief
einen Freund in Paris an (einen Freund in Paris - ich sage das immer
wieder gern), ich rief also diesen Freund in Paris an und bat ihn
um das gleiche Spiel: "Nimm mal irgend einen Gegenstand und
leg ihn irgendwo in der Wohnung hin. In einer Viertelstunde rufe
ich dich wieder an, dann sage ich dir, anhand der Gegenstände
drumherum, wo der Gegenstand ist." Meine Hoffnung war, mit
dieser Vorgehensweise wenigstens schon mal die erste Million Schummelversuche,
die mir auf Anhieb einfielen, auszuschließen. Aber es funktionierte
immer noch. Das ging einige Tage so weiter. Es verblüffte mich
und irritierte andere sehr. Deshalb rief ich irgendwann beim IGPP
an und fragte: Was ist das? Was kann das? Was soll das? Und ich
bin ziemlich sicher, ich erklärte der guten Frau Wiedemer gleich
mehrmals, dass mich klar von der Personengruppe "der Eso-Onkel"
distanziere und, so versicherte ich, dies sei eine Sparte, in der
ein Guido Schmidt nichts, aber auch rein gar nichts zu suchen hatte.
Annahme eins: Wer dieses Terrain betritt begibt sich in eine humorfreie
Zone. SIE VERLASSEN JETZT DEN HUMORVOLLEN SEKTOR! ACHTUNG! SCHUSSWAFFENGEBRAUCH!
Zweitens: Die Leute - wie soll einer wie ich da jemals reinpassen?
Schon äußerlich passt das nicht. Die haben doch lange
Haare, tragen Patchwork-Lederhosen, Jesuslatschen und packen sich
am Wochenende ihren Jutebeutel, um in Freiluft-Camps mit nacktem
Oberkörper Bäume zu umarmen.
Etwa nicht?
Und dann noch
etwas: Ich, verkabelt, auf irgend eine Wissenschafts-Couch geschnallt.
Niemals! Da kann man mal sehen, was so in meinem Kopf vorging damals.
Als ob irgend jemanden interessierte, wie ausgerechnet meine Hirnströme
aussehen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Zusammenhang, aber
auf irgend eine Frage von Frau Widemer hatte ich geantwortet, dass
mir sehr viel daran läge, nicht in irgend einem Labor verkabelt
und untersucht zu werden. Ich weiß - wie albern! So ändern
sich die Dinge; heute fände ich das auf der Couch liegen sehr
interessant. Ich meine im Labor.
Aber damals... Die, die sich zu so etwas meldeten, das waren für
mich die anderen.
Nachdem Frau Wiedemer sich meine kleine Geschichte angehört
hatte, bat sie mich um einem kleinen Test. Ob ich dazu bereit sei.
Ja, sagte ich, denn sonst hätte ich ja hier 20 Minuten lang
bloß heiße Luft produziert. Jetzt dürfe sie mich
selbstverständlich testen. (Da fällt mir ein: in diesem
Zusammenhang sagte ich auch, dass ich mich nicht gern verkabeln
lassen würde.) Wir machten einen kleinen Telefon-Test und einige
Tage nach diesem Gespräch erhielt ich einen Brief vom IGPP.
Bei dem Schreiben befand sich auch Informationsmaterial über
das Institut, sowie eine Literaturliste. Mein "Fall" war
Gegenstand einer Besprechung im Kollegenkreise gewesen. Alle Kolleginnen
und Kollegen schienen sich einig gewesen zu sein, schrieb Frau Wiedemer,
dass vor allem meine "spielerische und wenig verkrampfte Herangehensweise"
meine "Erfolge" mitbedinge. Es war ein netter Brief. Nur
fühlte ich mich keineswegs erfolgreich. Was war erfolgreich
daran, einen Duschkopf in Paris als Duschkopf zu erkennen, während
man in Berlin auf dem Bett lag? Wo soll da der Nutzen sein? Beim
IGPP fand ich auch keine Antwort. Jedenfalls nicht gleich.
Mein Problem
ist, ich kann nichts einfach so machen. Hobbys wie Klöppeln
oder Modelleisenbahnbau, Hobbys, die man zum reinen Selbstzweck
betreibt, das liegt mir einfach nicht. In der Regel hatte ich mindestens
ein Projekt laufen, meistens aber mehrere. Und wenn ich meine Zeit
in etwas stecke, will ich auch Erfolg haben. Ich wollte wissen,
was geht, deshalb war ich schwer auf der Suche nach einer nützlichen
Anwendung. Andererseits spielte ich aber auch so herum und unternahm
verschiedene "Experimente", wenn man so will, wohl auch
auf der Suche nach etwas, das mir sagt: Alles Selbstbeschiss! Aber
das passierte nicht. Von Remote Viewing hatte ich weiterhin keine
Ahnung. Ich wusste nicht einmal, dass es den Begriff überhaupt
gibt.
Als Dana, die
Freundin eines Bekannten von meinen Experimenten hörte, fragte
sie mich während eines unserer Telefonate, ob ich denn sagen
könne, wo sie Schmerzen habe. Ich fragte, ob sie das denn selber
nicht könne und sie sagte, doch natürlich, aber, wegen,
weil, vor allem, und, na ja, ehrlich gesagt: sie wolle mich gern
mal testen. Der Dialog lief dann etwa so, dass ich fragte, ob vor
ihr eine Schale stünde, ja, sagte sie, die stünde vor
ihr, und ich sage, wo ihre Hand denn jetzt sei, und sie antwortete,
dass ihre Hand in diesem Moment auf jener schmerzenden Stelle lag,
um die es hier ging, woraufhin ich ihr die Stelle beschrieb, woraufhin
sie dann sagte, ja ja, schon nicht schlecht, aber mal ehrlich: "
Das konntest du doch jetzt hören, wo meine Hand lag, oder?"
Ich "loggte"
mich in der Zeit auch immer mal wieder bei Freunden ein, während
sie unterwegs waren. Das heißt, wir verabredeten, ich würde
ihnen später Gegenstände oder Eindrücke schildern,
die ich empfangen hatte und einmal schilderte ich meiner Frau auch
Bilder, die sich überhaupt nicht zuordnen ließen. Na
also!, dachte ich. "Aber warte mal", sagte sie, und: "Oh,
jetzt fällt's mir ein" und sie habe vorhin im Tchibo-Katalog
geblättert. Dort kamen all diese Gegenstände vor, die
ich genannt hatte. Mal ehrlich. Mit jedem sollte man solche Experimente
nicht machen, das führt nur zu Verwirrung. Man darf sich da
auch nicht lustig machen, wenn andere meinen, es sei doch ein Trick
dabei. Immerhin verdächtigte ich mich sogar selber. Was bleibt
einem auch übrig? Remote Viewing und andere Phänomene
sind eine Kriegserklärung an den gesunden Menschenversand;
damals hätte ich es als viel normaler empfunden, wenn plötzlich
etwas auftaucht wäre, das die Vorkommnisse als psychologisch
unhygienische Zirkusnummer entlarvt. Aber das ist lange her.
Freunden gegenüber betonte ich immer wieder, dass meine prägkognitiven
Fähigkeiten nicht sonderlich gut ausgeprägt seien. Dennoch
stellte ich nach einiger Zeit, nachdem ich mich länger mit
Remote Viewing beschäftigte, eigenartige Verknüpfungen
fest. Ich begann ein kleines Notizbuch mitzuführen und schrieb
auf, was auch immer mir aufschreibenswert erschien. Eines Tages
lümmelte ich mich auf dem Sofa herum, schloss die Augen und
notierte zum Spaß eine Reihe von Bildern: ein Mann mit Lederjacke,
Bart, Anfang, Mitte 40, sitzt allein im Auto, lacht (oder "freut
sich") und hält das Lenkrad mit einer Hand, den anderen
Arm hat er mit dem Ellenbogen auf der Tür liegen. All das notierte
ich. Das Auto war eine noble Limousine, grün Metallic und es
besitzt Räder mit Speichenfelgen. Schickes Ding. Eine viertel
Stunde später schaltet meine Frau den Fernseher ein und begann
wahllos vo einem Sender zum nächsten zu zappen. Bei Vox, in
einem Filmausschnitt von "Auto Motor Sport", sahen wir
dann jenen Oldtimerfahrer. Originalgetreu, so wie ich ihn notiert
hatte. Derartige Verknüpfungen traten so oder ähnlich
von Zeit zu Zeit auf. Manchmal in Bildern, manchmal ganz überraschend,
als kurze Blitzer: Ende September sah ich im Fernsehen einen Ausschnitt
des Berlin-Marathons, als mir plötzlich der Gedanke kam, dass
das Ereignis von irgend etwas überschattet wird. Mir kam tatsächlich
diese Pressefloskel in den Sinn. "Überschattet".
Gleich darauf fragte ich mich, ob es wohl einen Toten geben wird.
Und am nächsten Tag war genau dies die erste Schlagzeile, die
ich las, als ich die Zeitung sah: "Ein Toter bei Marathon".
Die Winter in
Berlin sind hart. Die Stadt ist grau und dunkel und es ist kalt,
wie überall anders auch in Deutschland, aber in Berlin liegt
nie Schnee, oder nie lange, und Berlin zeigt monatelang ein mürrisches
Gesicht. Man sitzt zu Hause und liest oder geht ins Kino oder in
Kneipen und auch 2001 war so ein mürrischer Berliner Dezember.
Ich ging öfter ins Kino, und 2001 war übrigens jener Winter,
wo die Filme am liebsten von hinten begonnen wurden, da gab es Christopher
Nolans "Memento" , das war so eine Geschichte, aber auch
die Dürrenmatt-Verfilmung "Das Versprechen", mit
Jack Nichelson oder "Banditen", mit Bruce Willis noch
ein paar andere. Die meisten dieser Das-Letzte-zuerst-Filme führten
den Zuschauer schon mit den ersten Bildern bewusst in die Irre.
Ich fand das ausgezeichnet. Nicht das Irreführen, sondern die
Machart. Vielleicht weil die Filme nicht den empirischen Regeln
filmischer Dramaturgie entsprachen. Je verwirrender, desto besser.
2001 passierte sicher noch viel mehr, was bedeutend für die
Menschheit war. Aber das war woanders. Denn mittlerweile war ich
in in irgend einer Zeile des Informationsmaterials, das mir Frau
Wiedemer vom IGPP zugeschickt hatte, auf den Begriff Remote Viewing
gestoßen. Ich hatte etwas Neues entdeckt. Also begann ich,
so viele Bücher zu lesen, wie ich kriegen konnte. Dann stürzte
ich mich kopfüber in das Thema und übte und lernte und
übte und lernte und Anfang 2002 begann ich mich zu fragen:
Sind die Daten auch zu etwas nütze? Ist diese Methode eigentlich
zu etwas nütze? Kann man damit auch etwas anfangen? Vor allem,
konnte ich damit etwas vernünftiges anfangen?
Im April 2002 wollte ich das testen.
Als die Polizei
eintraf, vier Minuten später, waren die Einbrecher bereits
weg. Mit ihnen neun expressionistische nGemälden, so stand
es in der Zeitung, und Beute im Gesamtwert von 3,66 Millionen Euro.
Gestern Morgen, es war der 20. April, war im Berliner Brücke-Museum
eingebrochen worden. Der Einbruch hatte nur wenige Minuten gedauert
und war kein wirkliches Meisterstück, nur wusste das zu diesem
Zeitpunkt noch niemand. Alle hielten die Täter für Profis
und wähnten die kostbaren Gemälde für immer verloren.
Die Überschrift im Tagesspiegel an diesem Morgen lautete: "Reiche
Beute, leichte Beute." Von den gestohlenen Gemälden war
außerdem nur eines versichert. Scheinbar eine übliche
Praxis der Landesmuseen, aufgrund astronomisch hoher Versicherungsprämien.
Natürlich rechnete ich damals nicht, die Täter oder die
Gemälde zu finden. Aber ich dachte, vielleicht ist es ganz
spannend so zu tun, als ob. Irgendwann wird man die Täter erwischen.
Und dann, so dachte ich, überprüfe ich, wie dicht ich
dran war. Das war ein guter Test, ob sich mit diesem Remote Viewing
etwas Vernünftiges anfangen ließ.
Mit dem Faktor
Zeit hatte ich mich nie auseinander setzen müssen, jedenfalls
nicht beim Remote Viewing, dann fing ich aber an, mich mit diesem
Brücke-Raub zu beschäftigen. Plötzlich musste ich
meine Zettelwirtschaft völlig neu organisieren. Immerhin wollte
ich so viele Daten zusammentragen, wie möglich, und zwar bevor
die Täter gefasst werden und nicht erst hinterher. Aber wie
schnell war die Polizei? Drei Tage, drei Wochen? Monate? Lohnte
sich der Aufwand für mich überhaupt? Zwar saßen
die Täter, was natürlich niemand wusste, nicht weit entfernt
von mir auf den teuren Gemälden und wussten nicht so recht
wohin damit. Aber ganz so schnell konnte die Polizei dann doch nicht.
Teil um Teil wurde das Puzzle zusammengebastelt, um den Hergang
der Tat zu rekonstruieren. Die Täter waren keineswegs so professionell
wie man zunächst annahm. Drei Tage nach der Tat hatte die Polizei
das Auto entdeckt. Witere zwei Tage später eine Plastiktüte
mit den Rahmen der Gemälde. Nach und nach ließ sich so
der Fluchtweg der Täter nachzeichnen.
Ich saß
derweil zu Hause und legte mir einige DIN A4-Blätter mit verschiedenen
Zielvorgaben an. Je Zettel eine Frage. Ich faltete die Zettel. Jedes
Blatt kam in einen braunen Briefumschlag. Etwa ein Drittel der Fragen
betrafen den Einbruch selbst. Die übrigen Umschläge enthielten
Fragen oder Fotos zu Trainingszwecken. Wenn man Remote Viewing nicht
gerade hauptberuflich betreibt, dann ist der Zeitdruck tatsächlich
ein Problem. Sollte ich die braunen Umschläge mit den Fragen
irgendwo zwischen andere Targets stecken? Sollte ich warten, bis
ich irgendwann den richtigen Umschlag ziehe? So viel Zeit hatte
ich nicht. Andererseits durfte ich nicht wissen, woran ich arbeitete.
Interpretationen, Annahmen, Schlussfolgerungen. Ich wusste um diese
Probleme. Nur hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie man das
alles in den Griff kriegen kann. Deshalb beschloss ich den Zeitdruck
zu ignorieren. Und wenn die Polizei die Täter schnell finden
würde - Pech. Die Umschläge auf einen großen Stapel
zu packen war ohnehin nicht ratsam. Wochen vorher ich entdeckt,
dass die "Targets" sich verhielten wie mein Wollschal,
wenn er zu lange in unserer antiken Eichenkommode im Wohnzimmer
lag. Irgendwann roch der Wollschal nicht mehr nach Wollschal roch,
sondern nach Dunkeleicheantik. Mit den Target-Umschlägen verhielt
sich das ähnlich. Sie "färben" ab. Wohl jeder,
der sich mit Remote Viewing befasst, hat das Problem des Abfärbens
schon mal erlebt. Die Umschläge liegen irgendwo gestapelt,
man nimmt einen heraus um daran zu arbeiten, und wenn man das Ergebnis
später betrachtet, fällt plötzlich auf, dass sich
Daten untergemischt haben, die aus einem Umschlag stammen, der unmittelbar
darunter lag. Oder die Daten mehrerer Umschläge (deren Inhalt)
mischen sich. Die Information aus dem Zielgebiet mischt sich. Wenn
ich zum Beispiel einen Umschlag mehrmals verwendete, arbeitete ich
plötzlich an drei Targets gleichzeitig, ohne es zu wissen.
Am Ende war die Arbeit für die Katz. Um also auszuschließen,
dass später alles nach antikem Eichewollschal roch, tat ich
folgendes: ich pinnte die Umschläge einfach mit Reißzwecken
an die Wand in meinem Arbeitszimmer. Eine Nummer schrieb ich erst
auf den Umschlag, wenn ich einen von der Wand nahm. Das schien zu
funktionieren.
Was einen Monat
später zur Aufklärung des Diebstahls führte, waren
nicht meine Viewings. Es war die solide, akribische Arbeit der Kunstspezialisten
des Landeskriminalamtes und der Kripo. Gelobt wurde in der Presse
auch die reibungslose Zusammenarbeit mit der Justiz und vor allem
die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Fahndung. Einer dieser
Hinweise aus der Bevölkerung führte schließlich
zu den Tätern. Viele glaubten die Bilder schon auf nimmerwiedersehen
in Sammlerkellern in Hongkong oder Kiew verschwunden. Man fand sie
aber gleich bei mir um die Ecke, im Stadtteil Mariendorf. In der
Zeitung war auch eine Straße genannt. Ein paar Viewings hatte
ich beisammen, also packte ich meine Unterlagen zusammen und fuhr
mit meiner Frau dort hin.
Der Stadtteil Mariendorf liegt im Süden Berlins. Meine Zeichnungen
wiesen auf etwas hin, dass ich als ein "Riesending" auf
Schienen betitelt hatte. Ich suchte etwas Fabrikähnliches.
Denn in meinen Beschreibungen gab es sehr viele schwere Metallteile,
lachende Arbeiter, blaue Overalls. Allerdings wichen mehrere Notizen
auch merklich ab. Hier hatte ich Mäntel auf der Stange, wie
in einer Wäscherei oder einer Garderobe. "Oper" vermerkte
ich als Gedankenstütze. Des weiteren beschrieb ich den Eindruck
eines Gebäudes von innen mit einem Treppenaufgang, halbgeschossig.
Ich erinnere mich noch genau, was passierte, als ich in diesem Moment
die Augen schloss. So etwas war mir bis dahin noch nicht passiert.
Ich hatte - wenn man das so nennen kann - ein klares Bild sehr vieler
Menschen in diesem Gebäude mit Treppenaufgang. Allerdings bestanden
die Personen aus sich bewegenden Teilchen. Schwarzweiß. Ähnlich
dem Schnee auf einem Fernseher. Witzigerweise interpretierte ich
die Gesellschaft als Swingerclub, weil ich keine Kleidung wahrgenommen
hatte... Zwei Personen, eine Frau und einen Mann beschrieb ich etwas
genauer, Alter, Haarfarbe, Statur. Außerdem vermerkte ich
einen Bugatti.
Eine Fabrik,
dachte ich, mit einem Riesending auf Schienen, die wird ja nicht
so schwer zu finden sein. Und den Swingerclub in dem Gebäude
mit der breiten Treppe finden wir vielleicht auch. Wir fuhren die
Straße auf und ab, wo die Polizei die Bilder sicher gestellt
hatte. Es war eine sehr lange Straße. Viel haben wir nicht
gefunden. Das meiste ließ sich nicht überprüfen,
weil ich ja hauptsächlich die unmittelbare Umgebung der Gemälde
geviewed habe. Aber in zwei von vier Sitzungen tauchte dieses Fabrikgelände
wieder auf. Das fanden wir dann auch. Ich hatte einen vagen Grundriss
von einigen Elementen gezeichnet. Ein Silo, ein Zaun, ein paar Kiefern
etc. Das Kuriose kommt erst noch. Wir beendeten die Suche - allerdings
mit einem Gefühl, wie wenn man das Haus verlässt und meint,
etwas vergessen zu haben. Man weiß nur nicht genau, was .
Wir wendeten den Wagen und fuhren die Straße rauf.
"Halt mal an!" sagte ich.
Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine Kirche.
Vor der Kirche stand ein weißer Bugatti an der Straße.
Und dann hatten wir einen kleinen Aufmarsch von echten Zufällen.
Der Swingerclub entpuppte sich als Hochzeitsgesellschaft. Eine Frau
und ein Mann standen vor der Kirche auf einem (halbgeschössigen)
Treppenaufgang. Ich konnte aus der Entfernung nicht erkennen, ob
einer der beiden meiner Beschreibung ähnelten. Immer mehr Personen
kamen aus der Kirche und schoben sich auf die Treppe. Ob es drinnen
eine Garderobe gab, konnte ich nicht prüfen, aber alle waren
bekleidet. Nach einem Swingerclub sah das nicht aus. Aber es gab
schon einige interessante Übereinstimmungen. Und das mit dem
Bugatti war schon eine kuriose Sache.
Ich habe später beim Kraftfahrtbundesamt nachgefragt. Bugatti
hat den Schlüssel 3000. Wie viele Bugattis es in Berlin gibt,
konnte mir die Dame von der Abteilung Statistik nicht sagen. Es
sind einfach zu wenige. Aber im gesamten Bundesgebiet gibt es 53
Stück. Diese Zahl stammt vom ersten Januar 2003 und schließt
auch jene 18 Bugattis mit ein, die derzeit stillgelegt sind. Wir
waren also über einen von 35 in Deutschland noch fahrenden
Bugattis gestolpert. Das nenne ich doch mal einen glücklichen
Zufall. Wenn man etwas länger drüber nachdenkt, was da
genau passiert ist... Ich fahre an einen Ort aufgrund eines Zeitungsberichtes.
Und wegen meiner Notizen. Ich bin auf dem Rückweg und passiere
eine Szene. Derer werde ich nur Zeuge, weil in der Zeitung stand,
wo man die Täter verhaftete. Nur deshalb fuhr ich dort hin.
Was ich zum Zeitpunkt, als ich die Notizen machte, aber alles noch
gar nicht wissen konnte. Wenn man etwas länger über diesen
Vorgang nachdenkt, macht das etwas huschig im Kopf. Eine schlüssige
Erkärung für solche Vorgänge liefert bis heute niemand.
Auch ich nicht. Eines weiß ich allerdings. Ich werde mir von
diesem Buchhonorar keinen weißen Bugatti kaufen. So ein Auto
ist zu auffällig. Aber es war gut, dass wir doch noch auf den
Bugatti und die Hochzeitsgesellschaft getroffen sind. Denn das Gefühl,
wie wenn man meint, etwas vergessen zu haben, das war jetzt weg.
Ich glaube,
es war der Bugatti-Effekt. Und sicher noch ein paar andere Vorkommnisse,
aber alles zusammen genommen stellte plötzlich eine so massive
und asymmetrische Bedrohung für meine bisherige Weltanschauung
dar, dass sie zusammenbrach, die Anschauung. Im Grunde ist Remote
Viewing eine feine Sache. OK, da war das mit der Bombe, dann der
Bugatti-Effekt und vielleicht noch ein paar andere Nebenerscheinungen.
Ansonsten kann man mit der Methode aber eine Menge erleben. Nur
irgendwann kommt der Punkt, da fühlt man sich wie ein Marathonläufer
bei Kilometer Dreißig, und dieser Punkt, der kam bei mir etwa
mit diesem Projekt. Joe McMoneagle nennt das Make or Brake-Stages.
Entweder man macht weiter oder man scheitert. Jeder Viewer kennt
das; der Freundes- und Bekanntenkreis ist verwirrt und man selbst
versteht die Welt nicht meh; man produziert Daten, die man nie für
möglich gehalten hätte, dann wieder fühlt man sich
wie der letzte Anfänger und überhaupt - das gesamte Leben
ist auf den Kopf gestellt; dann kommt die Mauer. Der Einbruch. Vertigo.
Gleichgewichtsstörung. Willkommen im Club. Das nennt sich Remote
Viewing. Da gehen Ehen kaputt, da werden Jobs geschmissen, da zieht
man um; und wäre es nicht toll, wenn man in dem Moment wüsste,
dass daraus etwas Neues wächst? Wäre es nicht gut zu wissen,
dass man danach eine phantastische Zeit haben kann? Wäre doch
praktisch zu wissen, dass es einem nicht den Kopf sprengt; aber
so ist das wohl, wenn Großreinemachen angesagt ist, hast du
erst mal nur damit zu tun, dich von den vielen lieb gewordenen Sammlerstücken
zu trennen, um Platz zu schaffen für neue Überzeugungen.
Da hilft scheinbar nichts. Wenn man da durch ist, wird alles gut.
Nun, sagen wir fürs Erste.
Remote Viewing
Backstage sozusagen. Hier eine Begebenheit am Rande, an der meine
bekannte Anette ihre helle Freude hätte; denn in Wahrheit ist
es doch so: die spannendsten Viewer-Geschichten enthalten a)große
Gefühle b)Schmerzen und c)Action - aber nicht nur Anette, sondern
auch die Presse. Womit wir beim zweiten Grund wären, warum
so eine Stelle in ein Buch wie dieses gehört. Aus den folgenden
Zeilen lässt sich jede Menge reißerisches Material ziehen.
Dieses Material steht in keiner Weise repräsentativ für
Remote Viewing (weil grotesk und irritierend), es hat aber gerade
genug mit Remote Viewing zu tun, um es damit auf halsbrecherische
Weise in Verbindung zu bringen. Stichwort: Begleiterscheinungen.
Poah! Jetzt macht der die Gruselkiste auf, wird mancher sagen. Sag
ich: das gehört auch dazu. Unsere Bekannte Anette zum Beispiel
kennt sich nicht besonders aus mit Remote Viewing, aber Anette stirbt
für gute Geschichten. Anette mag's gern ein bisschen blutig.
Doch doch. Ein wenig Emergency Room-Anstrich darf es schon haben.
In diesem Punkt tickt Anette ein bisschen wie die Boulevard-Presse,
man müsste sogar sagen: wie der Großteil der Presse überhaupt.
Wenn ich Anette berichte, was ich so mache, dann möchte sie
keinesfalls hören dass Remote Viewing eine nüchterne Angelegenheit
sei, sie will alles hören, was den Geruch von Target-Trauma
trägt. Oder den Akte-X-Stempel. Am besten aber beides. Wenn
Anette beim Zuhören Fingernägel kauen muss, ist das genau
richtig für Anette.
Alles andere ist weichgespültes Zeug.
Deshalb ein
Warnhinweis: Behalten Sie den Inhalt der nächsten Seiten für
sich. Sie gefährden damit Unbeteiligte und verfälschen
das Bild des Remote Viewing in der Öffentlichkeit. Vielen Dank.
Die Geschichte ist die. Mit Begleiterscheinungen meine ich überraschende
Nebeneffekte, die manchmal so nicht vorhersehbar sind und auch gar
nichts mit Remote Viewing zu tun haben, die aber dennoch auftauchen,
bei dem einen so, beim nächsten anders, wir kennen das. Nachdem
ich mich mehrere Monate intensiv mit Remote Viewing beschäftigt
hatte, fühlte ich mich eines Morgens ziemlich müde und
schlaff. Es war ein Morgen wie jeder andere und nun ist das für
einen Vater zweier Kinder und in einer Stadt wie Berlin noch nicht
ungewöhnlich, mal ein wenig durchzuhängen. Im Gegenteil.
Ist eher normal; manchmal fühlt man sich wie in einem nicht
enden wollenden Jet lag. Aber dies hier war etwas Anderes. Am Abend
verließ ich pünktlich (was selten vorkam) die Agentur.
Ich schwang mich aufs Fahrrad und ab nach Hause, die Beine waren
müde. Das wird's sein, dachte ich: übertrainiert. Jeden
Morgen Laufen, jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und zurück,
den Kopf in der Agentur anstrengen, dann noch Remote Viewing, ständig
mit dem Unterbewusstsein streiten, da streikt jeder Körper
irgendwann, verlangt nach Vitaminen, Eiweiß, Kohlenhydraten
und Bier. Bier hatte er schon. Um 18 Uhr 30 saß ich immer
noch mit Launenkrebs herum. Nichts schien zu helfen. Da braut sich
was zusammen, dachte ich, also ab in die Badewanne. Du sitzt in
der Wanne, sagt meine Frau, dann muss es ja schlimm sein. Mir geht's
eigentlich gar nicht schlecht, sage ich, nur irgendwas stimmt nicht.
Um 20 Uhr lag ich bereits zehn Minuten im Bett. Draußen war
es noch hell, meine Stimmung blieb düster. So schlief ich ein,
zwei Stunden tiefer Schlaf. Als ich um 22 Uhr erwachte, war es draußen
dunkel. Meine Laune hatte sich keinen Deut gebessert. Ich schloss
die Augen und dachte, gut, wenn da was im Anmarsch ist, dann kann
ich doch nachgucken, klappt ja sonst auch: Ich sage wann der Regen
aufhört, ich kriege Parkplätze wo und wann ich will (Quote
etwa zwanzig zu eins), finde Gold in Mutters Sessel und Fernbedienungen,
die mein Sohn in Schuhen versteckt hat. Da wird sich doch herausfinden
lassen, wo die Ursache für diese fiese Stimmung sitzt. Also
meditiere ich ein bisschen. Zwischen Wachen und Schlafen sind die
Bilder immer am deutlichsten. Irgendwann muss ich dann wohl eingeschlafen
sein. Der Körper schlief, aber der Geist, das Unterbewusstsein,
arbeitete weiter an der Frage, was sich da wohl gerade zusammenbraut
und wo die Ursache für das Übel sitzt. Ich habe keinen
blassen Schimmer, wo oder wie ich mich in die weiteren Geschehnisse
eingeloggt habe.
Gegen halb elf
wurde ich von meinem eigenen lautstarken Ausdruck der Überraschung
aus dem Schlaf gerissen, ich saß auf der Bettkante, zitterte
und schwitzte. Mir war nicht ganz klar, ob ich wach bin, da ich
das Gefühl hatte, zu träumen. Ich schaltete das Licht
an, der Verstand hinkte noch etwas hinterher, aber reden konnte
ich schon: "Ich hab das Gefühl ich müsste helfen.
Aber ich kann nicht helfen", sagte ich. Mehr fiel mir im Moment
nicht ein. Stattdessen hielt ich meiner Frau einen Arm hin, Haut
und Haare standen so hoch, als hätte sie ein Comiczeichner
entworfen. Langsam sammele ich mich und war wieder zu vernünftigen
Äußerungen fähig. "Ach-du-Scheiße",
war eine der ersten. Ich brauchte Bewegung und ging ins Wohnzimmer.
Mach mal den Fernseher an, sagte ich, ich lief im Raum auf und ab
und hatte so viel Adrenalin im Kopf, dass ich laut darüber
nachdachte, die Jungendstilkommode herumzutragen. Oder mit dem Kopf
durch die Wand, das wäre eine durchaus akzeptable Alternative.
Nichtstun schien gar nicht angebracht. Mir kamen (und ich sagte
sie auch) komische Sätze in den Sinn, die keiner verstand,
auch ich nicht. Etwa: "Wir müssen bis Mitternacht warten."
Das führte auf beiden Seiten zu noch mehr Unverständnis.
Mittlerweile war es viertel vor Elf. Im Fernsehen gab es keinen
Hinweis, was das alles soll. Ich beschloss, dass ich ohnehin nichts
tun könne und zähle drei Möglichkeiten auf; erstens,
es gibt neue Anschläge (man bedenke, wir standen alle noch
unter den Eindruck der Anschläge vom 11. September), zweitens
und drittens, die Agentur (mein Arbeitgeber) hat gerade den größten
Kunden verloren oder ist abgebrannt. Andere Dinge kommen scheinbar
nicht in Frage. Diese Gesamtsituation war etwas ungewohnt für
mich. Da im Fernsehen immer noch nichts berichtet wurde, dass meine
These bestätigte, legte ich mich wieder ins Bett. Schlafen?
Fehlanzeige. Auch sonst war ich mit dem Gesamtergebnis unzufrieden,
ich ging auf den Balkon, stand so herum und warte auf den großen
Knall um Mitternacht. "Es beginnt mit einem großen Knall."
Dieser Wortlaut ging mir die ganze Zeit durch den Kopf. Formulierungen
wie diese, das habe ich als Remote Viewer lernen müssen, muss
ich mir merken. Sie kommen nie von mir. Sie liegen einem auf der
Zunge, ich äußere sie nur. Fünf nach Zwölf
war immer noch nichts passiert. Die Unruhe legte sich. Ich schalte
wieder den Fernseher ein.
Die Nachrichtensendungen
berichteten über einen Selbstmordanschlag im Süden Tel
Avivs. Den ersten seit Juni. Augenzeugen berichteten, die beiden
Attentäter hätten die Sprengsätze gegen 22 Uhr vor
einem überwiegend von Gastarbeitern besuchten Café in
Tel Aviv gezündet. Und: Es begann mit einem großen Knall.
Erst einer. Und als Leute den Opfern helfen wollten, der andere.
Zwei Täter hätten nur etwa 15 Meter entfernt voneinander
gestanden. Bei SPIEGEL-online berichtete später ein Zeuge:
"Es gab zwei Explosionen innerhalb von weniger als einer halben
Minute. Nach der ersten Explosion sah ich, wie ein Mann durch die
Luft flog. Ich ging sofort hinter einem Stromkasten in Deckung.
Dann gab es die zweite Explosion. Ich sah fünf oder sechs Menschen
da liegen, in Stücke gerissen." Im Fernseher sah man die
Menschen, wie sie sich an der Absperrung drängelten. Sicher
hatte der eine oder andere gedacht: Er müsste helfen. Aber
ich kann nicht helfen. Man suchte immer noch nach weiteren Bomben.
Ich schaltete den Fernseher ab. Endlich konnte ich schlafen.
Was ist denn
mit dem Erlebnis an sich? Remote Viewing macht Spaß; was ist
damit - mit dem Spaß an der Sache? Mag ja sein, aber ich sage
jetzt mal was Ketzerisches: Wozu der ganze Trainingsaufwand, wenn
die Polizei mit klassischen Methoden am Ende doch weit schneller
ist? Wozu Remote Viewing lernen? Was soll ich damit anfangen? Wo
ist der praktische Nutzen, wenn ich damit nicht mal ein paar gestohlene
Bilder finden kann? Denn genau das war ja mein erstes Projekt: Gestohlene
Bilder nicht finden.
"Wie ernüchternd die Möglichkeiten von Remote Viewing
doch häufig sind", sagte Anette Wiedemer in einem späteren
Telefonat. Und sie hat Recht. Ich selbst bin eingefleischter Skeptiker.
Die Möglichkeit des Scheiterns ist mir oft näher, als
der große Erfolg. Ich muss zwar nicht verstehen, was beim
Remote Viewing vor sich geht, so lange es funktioniert. Aber funktioniert
es auch? Wir wissen alle, wie einfach der Mensch sich selbst bescheißen
kann, ohne es zu merken. Wenn es auf Ergebnisse ankommt, bin ich
deshalb sehr skeptisch. Wir sprachen unter anderem auch über
unseren kleinen Telefontest von damals. So weit ich mich erinnere,
hatte sie damals, nach unserem Telefonat, Ihren Schlüsselbund
neben einen anderen Gegenstand ins Regal gelegt. Der Test bestand
darin, dass ich versuchen wollte, ob ich in der unmittelbaren Umgebung
des Schlüssels andere Gegenstände zu benennen in der Lage
bin. Leider hat Anette Wiedemer sich seinerzeit über unser
Experiment keine Notizen gemacht. Aber sie konnte sich ebenfalls
daran erinnern, dass ich von mir aus einen Schlüssel benannt
hatte. Sie sagte: "Ich hatte meinen recht imposanten Schlüsselbund
vor mir auf dem Schreibtisch liegen", ein Autoschlüssel
sei (und war damals) jedoch keiner mit am Bund. Sie erinnerte sich
auch daran, dass das ausgewählte Zielobjekt ein anderes als
der Schlüssel war. Was sie tatsächlich damals ausgewählte,
erinnerten wir beide nicht mehr. Frau Wiedemer kann sich noch deutlich
daran erinnern, dass ich ihr erzählte, ich würden in meinen
Experimenten oftmals den Gegenstand neben dem ausgewählten
Fokusobjekt treffen. "So gesehen", schrieb sie mir in
einer Mail, könne ich das Experiment zwar als gelungen interpretieren,
"den Regeln der empirischen Forschung entspricht das jedoch
nicht, da wäre der Versuch eindeutig kein Treffer."
Ich sprach mit
Frau Wiedemer auch über Remote Viewing und Polizeiarbeit. Denn
ein verloren gegangenes Schmuckstück zu finden - O.k., da mag
der Selbstbetrug keine große Bedeutung haben. Doch wenn zwei
Polizeibeamte plötzlich aufgrund meines Hinweises bei einer
alten Dame vor der Tür stehen, weil sie den Täter suchen,
den ich beschrieben habe, sieht das schon anders aus. Sofern man
noch alle beisammen hat, muss man sich des öfteren kritisch
fragen, ob das alles so richtig ist, was man da tut. "Kill
Your Darlings", sagte Billy Wilder einmal in einem Interview
mit Volker Schlöndorff. Wilder war der Auffassung, man müsse
ein (Film-)Script hinterfragen und bereit sein, auch solche Figuren
oder Szenen zu streichen, die einem besonders am Herzen liegen -
um weiter machen zu können.
Das erste Opfer beim Remote Viewing. Die Euphorie.
Die Ernüchterung,
von der Frau Wiedemer sprach, kommt wohl spätestens in dem
Moment, wo einem klar wird, das so einiges zwischen dem steht, was
man mit Remote Viewing machen könnte und dem, was man damit
tatsächlich zustande bringt. Eines der ersten Gefühle,
dem der Remote Viewer beim Remote Viewing begegnet, ist die Euphorie.
Natürlich ist da noch eine ganze Menge mehr, aber euphorisch
werden, das konnte ich als Viewer schon ganz früh. Aber warte
mal, warte mal! sagte kürzlich ein Bekannter zu mir, und mit
Remote Viewing könne man doch wirklich beeindruckende Daten
zutage fördern, und man müsse denen doch mal zeigen und
so weiter. Weißt du was, habe ich zu meinem Bekannten gesagt,
versetz dich doch mal in die Leute: wärst du bei der Kripo
und müsstest Straftäter finden und jemand käme mit
hundert Seiten höllisch beeindruckender Remote Viewing Daten,
mit denen sich der Täter auch nicht finden lässt - was
würdest du denn machen? Man kann den Leuten nicht verübeln,
wenn sie dem Remote Viewer raten, es damit lieber mal in der Oliver-Geißen-Show
zu versuchen. Denn warum sollten die sich von Daten beeindruckt
zeigen, die ihnen nichts nützen?
Lesen
Sie weiter in: "Schatzsucher
der Matrix" von Guido Schmidt
|