Schatzsucher der Matrix

Guido Schmidt


Leseprobe

Es war es immer wieder der gleiche, er hatte mit meiner Zeit in der Fremdenlegion zu tun und manchmal mit Tel Aviv, wo ich mich 1991 aufhielt, während der Irak Bombenangriffe auf Israel startete. Ich habe dort nichts Schlimmes aushalten müssen, und Heinrich Strübig fällt mir da ein; drei Jahre lang angekettet. Als Geisel. Im Libanon. Ich sprach mit Strübig und auch mit vielen anderen, alles Menschen, die in ähnlichen Situationen weit mehr hatten durchstehen müssten, als ich. Auch in ihren Träumen. Meine Geschichte war ausgestanden, aber dieser eine Traum hielt sich hartnäckig. Bis ich schließlich auf Remote Viewing stieß. So etwas wie Meister Proper fürs Unterbewusstsein. Auch: Psychohygiene.

Sechs Jahre später, September 2001. Wann die ganze Geschichte begann? Das ist leicht. Denn wir hatten nur noch wenige Tage bis zum elften September. Ich halte es nebenbei gesagt bis heute für konstruiert, diese Vorkommnisse mit dem 11. September in Verbindung zu bringen; keiner kann das beweisen. War auch nur so eine Gedankenstütze. Denn ich werde nicht vergessen, dass ich zwei Tage vor dem 11.9. Familienbesuch erwartete, und am Morgen dieses Tages brauchte ich nur die Augen zu schließen und wurde schier erschlagen von Bildern vor meinem geistigen Auge. Was lag also näher, als die Eindrücke dem bevorstehenden Besuch zuzuordnen? Warum auch hätte ich etwas anderes annehmen sollen? Ich notierte einige der Bilder und sprach mit meiner Frau und auch mit einer Freundin darüber. Es wäre doch lustig, sagte ich, wenn wir später überprüfen, in welchem Zusammenhang meine Eindrücke mit dem Besuch stehen. In ein paar Stunden mussten sie hier sein. Die Bilder standen, wie sich herausstellte, natürlich in keinem Zusammenhang mit unserem Besuch; sehr wohl aber mit dem Anschlag. Aber auf das Feedback musste ich erst noch zwei Tage warten. Einige Fernsehbilder, Männer in Latzhosen, herumliegende einzelne Schuhe, sah nicht zum ersten Mal; einige dieser Bilder kannte ich bereits, schließlich hatte ich sie ja notiert und mit meiner Frau und mit einer Freundin drüber gesprochen. In meiner Wahrnehmung waren die Bilder bereits zwei Tage alt. Das irritierte mich etwas. Oder sagen wir mal so: ich sah die Sache plötzlich mit anderen Augen.

Institut für Psychohygiene. Der Name allein löste damals bei mir merkwürdige Assoziationen aus. Wahrscheinlich ist das in Fachkreisen jedem bekannt, aber für alle Nichtfachleute sei hier noch mal gesagt: IGPP steht für Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene und ist der Universität Freiburg angegliedert. Man erforscht dort, am IGPP, Anomalien (außersinnliche Wahrnehmung, veränderte Bewusstseinszustände, Psychokinese und dergleichen). Unter anderem berät das IGPP aber auch Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen. PSI-Geplagte wie du und ich. Man kann dort anrufen und spricht dann zum Beispiel mit Menschen wie Frau Wiedemer. Frau Wiedemer kommt nicht psychologisch rüber; sie ist ganz locker dabei, das entkrampft, und sie sagt manchmal Dinge wie Hokidoki. Nicht, das ich verkrampft gewesen wäre, als ich im September 2001 das erste Mal beim IGPP anrief. Aber war ich von den Erfahrungen der vergangenen Wochen doch etwas irritiert und der Begriff Psychohygiene hatte, wie ich fand, so einen Beigeschmack.

Mich interessierte vor allem: Bin ich einer von vielen mit derselben Geschichte? Wie ungewöhnlich ist mein Anliegen? Und dann diese Sache mit den Bildern. Was ist das? Was kann das? Was soll das? An manchen Tagen klingelt das Telefon beim IGPP ununterbrochen. Es kommt vor, dass fünfzig Leute täglich anrufen, aber das ist nicht immer, und auch der Tag meines Anrufes wohl eher ein ruhiger Tag. Jedenfalls bekam ich Frau Wiedmer gleich ans Telefon. Mein Anruf war ganz normal und nicht weiter bedenklich und durchgeknallt sind auch die anderen Anrufer meist nicht, es sind eigentlich ganz normale Menschen. Nur meine Geschichte, die schien nicht so gewöhnlich. Schon deshalb nicht, weil Personen, die sich an das IGPP in Freiburg wenden, die Mehrheit jedenfalls, meist aufgrund ihrer Besorgnis anrufen; sie fürchten sich vor Geistern im Haus, sind von Vorahnungen geplagt oder von immer wiederkehrenden Träumen. Ich hatte eine belustigende Neuentdeckung gemacht. Meine einzige Besorgnis lag darin, mich mit dieser Entdeckung lächerlich zu machen.

"Na, dann erzählen Sie doch mal", sagte Frau Wiedemer. Und ich erzählte all diese Sachen und, dass ich mich im Grunde gesund fühle, dass es mir gut ginge, wirklich, bloß, dass ich da etwas sehr Ungewöhnliches entdeckt hatte und dass dieses Es einfach so zu mir kam, völlig unspektakulär, einfach so, beim Aufwachen; nicht in einem Bergdorf im Himalaja oder während einer Wellness- und Duft-Qi-Gong-Behandlung in Bad Birnbach; ich wachte einfach eines Morgens auf, und es war da. Ich wachte eines Morgens auf und hatte das Gefühl, ich müsse jetzt mal Gegenstände suchen - allerdings ohne mich aus dem Bett zu bewegen. Von Remote Viewing hatte ich natürlich keinen blassen Schimmer. Ich schickte meine Frau los, sie möge doch mal einen Gegenstand aus der Küche nehmen und ihn irgendwo in der Wohnung platzieren. Das tat sie dann auch und als sie zurück kam, sagte ich ihr, welcher Gegenstand es war. Es stellte sich heraus, dass mein Bett damit nichts zu tun hatte.

Einige wochen zuvor hatte ich mir ein Buch gekauft. Ich hatte Zeit, also dachte ich, ich könnte mal etwas Kreatives tun, so habe ich mir über amazon.de dieses Buch bestellt. Steigern Sie Ihre Kreativität u.s.w . Der Titel machte einen unverfänglichen Eindruck auf mich, aber als ich einige Tage später den Karton öffnete, war mir klar: Das Ding hättest du im Laden sofort wieder ins Regal gestellt. "Schlüssel zum inneren Helfer" - viel zu esoterisch das Ganze. Das Problem ist, ich kann Büchern nichts antun, geschweige denn sie wegwerfen. Leider besitze ich einen gewissen Respekt vor Büchern. Man kann mir das glauben oder nicht, aber lange habe ich mich sogar geziert, wichtige Textpassagen in meinen Büchern zu unterstreichen. Randnotizen? Das war in meinen Augen etwas für Menschen, die Behindertenparkplätze blockieren und fünf Euro für ein Schinken-Sandwich verlangen. Wenn ich heute auch in Bücher herumkritzele, es bleibt dieses unwohle Gefühl, und es würde mich nicht wundern, käme eines Tages aus den Zeilen eine gräuliche Buchstabenhexe, die einem Frevler wie mir mit ihren langen Hexenfingern das Gesicht zerkratzt und mich dann anhaucht (Liebe Leute von Amazon! Ihr könnt also aufhören, mir diese Mails zu schicken; verdienen sie 10.000 Euro an Ihren bisher bei amazon gekauften Büchern. Glaubt mir. Die will keiner mehr!). Unterstreichen ja. Aber ein Buch wegwerfen? Ich kann kein Buch einfach wegwerfen. Also las ich es.

Ich eignete mir fünf Wochen lang ein simples Meditationsprogramm an; dessen Ende zielte darauf ab, die rechte Gehirnhälfte ein bisschen zu kitzeln. Visualisierungsübungen. Mit zwei Fingern große Möbelstücke herumtragen. Alpha-Wellen produzieren und durch Wände gehen - solche Sachen. Nachdem ich das fünf Wochen getan hatte, funktionierten plötzlich andere Sachen: Jemand nannte mir den Namen einer unbekannten Person und ich beschrieb die Person. Und sagte zum Beispiel: "Hat ein Problem mit der Wirbelsäule" oder: "Hat einen Herzfehler." Eines Morgens erwachte ich mit dem Eindruck, ich müsse Gegenstände suchen. So kam das.
Und davon stand in dem Buch nichts.

Selbstbetrug. Das war die einzige Erklärung; großer, großer Selbstbetrug: in der eigenen Wohnung, mit der eigenen Frau, dazu noch im Bett, das war garantiert nichts fürs Fernsehen und als eine wissenschaftlich abgesicherte Versuchsanordnung galt das sicher auch nicht. Weiterhin vom Selbstbetrug überzeugt, dehnte ich das Ganze aus; ich rief einen Freund in Paris an (einen Freund in Paris - ich sage das immer wieder gern), ich rief also diesen Freund in Paris an und bat ihn um das gleiche Spiel: "Nimm mal irgend einen Gegenstand und leg ihn irgendwo in der Wohnung hin. In einer Viertelstunde rufe ich dich wieder an, dann sage ich dir, anhand der Gegenstände drumherum, wo der Gegenstand ist." Meine Hoffnung war, mit dieser Vorgehensweise wenigstens schon mal die erste Million Schummelversuche, die mir auf Anhieb einfielen, auszuschließen. Aber es funktionierte immer noch. Das ging einige Tage so weiter. Es verblüffte mich und irritierte andere sehr. Deshalb rief ich irgendwann beim IGPP an und fragte: Was ist das? Was kann das? Was soll das? Und ich bin ziemlich sicher, ich erklärte der guten Frau Wiedemer gleich mehrmals, dass mich klar von der Personengruppe "der Eso-Onkel" distanziere und, so versicherte ich, dies sei eine Sparte, in der ein Guido Schmidt nichts, aber auch rein gar nichts zu suchen hatte. Annahme eins: Wer dieses Terrain betritt begibt sich in eine humorfreie Zone. SIE VERLASSEN JETZT DEN HUMORVOLLEN SEKTOR! ACHTUNG! SCHUSSWAFFENGEBRAUCH! Zweitens: Die Leute - wie soll einer wie ich da jemals reinpassen? Schon äußerlich passt das nicht. Die haben doch lange Haare, tragen Patchwork-Lederhosen, Jesuslatschen und packen sich am Wochenende ihren Jutebeutel, um in Freiluft-Camps mit nacktem Oberkörper Bäume zu umarmen.
Etwa nicht?

Und dann noch etwas: Ich, verkabelt, auf irgend eine Wissenschafts-Couch geschnallt. Niemals! Da kann man mal sehen, was so in meinem Kopf vorging damals. Als ob irgend jemanden interessierte, wie ausgerechnet meine Hirnströme aussehen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Zusammenhang, aber auf irgend eine Frage von Frau Widemer hatte ich geantwortet, dass mir sehr viel daran läge, nicht in irgend einem Labor verkabelt und untersucht zu werden. Ich weiß - wie albern! So ändern sich die Dinge; heute fände ich das auf der Couch liegen sehr interessant. Ich meine im Labor.
Aber damals... Die, die sich zu so etwas meldeten, das waren für mich die anderen.
Nachdem Frau Wiedemer sich meine kleine Geschichte angehört hatte, bat sie mich um einem kleinen Test. Ob ich dazu bereit sei. Ja, sagte ich, denn sonst hätte ich ja hier 20 Minuten lang bloß heiße Luft produziert. Jetzt dürfe sie mich selbstverständlich testen. (Da fällt mir ein: in diesem Zusammenhang sagte ich auch, dass ich mich nicht gern verkabeln lassen würde.) Wir machten einen kleinen Telefon-Test und einige Tage nach diesem Gespräch erhielt ich einen Brief vom IGPP. Bei dem Schreiben befand sich auch Informationsmaterial über das Institut, sowie eine Literaturliste. Mein "Fall" war Gegenstand einer Besprechung im Kollegenkreise gewesen. Alle Kolleginnen und Kollegen schienen sich einig gewesen zu sein, schrieb Frau Wiedemer, dass vor allem meine "spielerische und wenig verkrampfte Herangehensweise" meine "Erfolge" mitbedinge. Es war ein netter Brief. Nur fühlte ich mich keineswegs erfolgreich. Was war erfolgreich daran, einen Duschkopf in Paris als Duschkopf zu erkennen, während man in Berlin auf dem Bett lag? Wo soll da der Nutzen sein? Beim IGPP fand ich auch keine Antwort. Jedenfalls nicht gleich.

Mein Problem ist, ich kann nichts einfach so machen. Hobbys wie Klöppeln oder Modelleisenbahnbau, Hobbys, die man zum reinen Selbstzweck betreibt, das liegt mir einfach nicht. In der Regel hatte ich mindestens ein Projekt laufen, meistens aber mehrere. Und wenn ich meine Zeit in etwas stecke, will ich auch Erfolg haben. Ich wollte wissen, was geht, deshalb war ich schwer auf der Suche nach einer nützlichen Anwendung. Andererseits spielte ich aber auch so herum und unternahm verschiedene "Experimente", wenn man so will, wohl auch auf der Suche nach etwas, das mir sagt: Alles Selbstbeschiss! Aber das passierte nicht. Von Remote Viewing hatte ich weiterhin keine Ahnung. Ich wusste nicht einmal, dass es den Begriff überhaupt gibt.

Als Dana, die Freundin eines Bekannten von meinen Experimenten hörte, fragte sie mich während eines unserer Telefonate, ob ich denn sagen könne, wo sie Schmerzen habe. Ich fragte, ob sie das denn selber nicht könne und sie sagte, doch natürlich, aber, wegen, weil, vor allem, und, na ja, ehrlich gesagt: sie wolle mich gern mal testen. Der Dialog lief dann etwa so, dass ich fragte, ob vor ihr eine Schale stünde, ja, sagte sie, die stünde vor ihr, und ich sage, wo ihre Hand denn jetzt sei, und sie antwortete, dass ihre Hand in diesem Moment auf jener schmerzenden Stelle lag, um die es hier ging, woraufhin ich ihr die Stelle beschrieb, woraufhin sie dann sagte, ja ja, schon nicht schlecht, aber mal ehrlich: " Das konntest du doch jetzt hören, wo meine Hand lag, oder?"

Ich "loggte" mich in der Zeit auch immer mal wieder bei Freunden ein, während sie unterwegs waren. Das heißt, wir verabredeten, ich würde ihnen später Gegenstände oder Eindrücke schildern, die ich empfangen hatte und einmal schilderte ich meiner Frau auch Bilder, die sich überhaupt nicht zuordnen ließen. Na also!, dachte ich. "Aber warte mal", sagte sie, und: "Oh, jetzt fällt's mir ein" und sie habe vorhin im Tchibo-Katalog geblättert. Dort kamen all diese Gegenstände vor, die ich genannt hatte. Mal ehrlich. Mit jedem sollte man solche Experimente nicht machen, das führt nur zu Verwirrung. Man darf sich da auch nicht lustig machen, wenn andere meinen, es sei doch ein Trick dabei. Immerhin verdächtigte ich mich sogar selber. Was bleibt einem auch übrig? Remote Viewing und andere Phänomene sind eine Kriegserklärung an den gesunden Menschenversand; damals hätte ich es als viel normaler empfunden, wenn plötzlich etwas auftaucht wäre, das die Vorkommnisse als psychologisch unhygienische Zirkusnummer entlarvt. Aber das ist lange her.
Freunden gegenüber betonte ich immer wieder, dass meine prägkognitiven Fähigkeiten nicht sonderlich gut ausgeprägt seien. Dennoch stellte ich nach einiger Zeit, nachdem ich mich länger mit Remote Viewing beschäftigte, eigenartige Verknüpfungen fest. Ich begann ein kleines Notizbuch mitzuführen und schrieb auf, was auch immer mir aufschreibenswert erschien. Eines Tages lümmelte ich mich auf dem Sofa herum, schloss die Augen und notierte zum Spaß eine Reihe von Bildern: ein Mann mit Lederjacke, Bart, Anfang, Mitte 40, sitzt allein im Auto, lacht (oder "freut sich") und hält das Lenkrad mit einer Hand, den anderen Arm hat er mit dem Ellenbogen auf der Tür liegen. All das notierte ich. Das Auto war eine noble Limousine, grün Metallic und es besitzt Räder mit Speichenfelgen. Schickes Ding. Eine viertel Stunde später schaltet meine Frau den Fernseher ein und begann wahllos vo einem Sender zum nächsten zu zappen. Bei Vox, in einem Filmausschnitt von "Auto Motor Sport", sahen wir dann jenen Oldtimerfahrer. Originalgetreu, so wie ich ihn notiert hatte. Derartige Verknüpfungen traten so oder ähnlich von Zeit zu Zeit auf. Manchmal in Bildern, manchmal ganz überraschend, als kurze Blitzer: Ende September sah ich im Fernsehen einen Ausschnitt des Berlin-Marathons, als mir plötzlich der Gedanke kam, dass das Ereignis von irgend etwas überschattet wird. Mir kam tatsächlich diese Pressefloskel in den Sinn. "Überschattet". Gleich darauf fragte ich mich, ob es wohl einen Toten geben wird. Und am nächsten Tag war genau dies die erste Schlagzeile, die ich las, als ich die Zeitung sah: "Ein Toter bei Marathon".

Die Winter in Berlin sind hart. Die Stadt ist grau und dunkel und es ist kalt, wie überall anders auch in Deutschland, aber in Berlin liegt nie Schnee, oder nie lange, und Berlin zeigt monatelang ein mürrisches Gesicht. Man sitzt zu Hause und liest oder geht ins Kino oder in Kneipen und auch 2001 war so ein mürrischer Berliner Dezember. Ich ging öfter ins Kino, und 2001 war übrigens jener Winter, wo die Filme am liebsten von hinten begonnen wurden, da gab es Christopher Nolans "Memento" , das war so eine Geschichte, aber auch die Dürrenmatt-Verfilmung "Das Versprechen", mit Jack Nichelson oder "Banditen", mit Bruce Willis noch ein paar andere. Die meisten dieser Das-Letzte-zuerst-Filme führten den Zuschauer schon mit den ersten Bildern bewusst in die Irre. Ich fand das ausgezeichnet. Nicht das Irreführen, sondern die Machart. Vielleicht weil die Filme nicht den empirischen Regeln filmischer Dramaturgie entsprachen. Je verwirrender, desto besser. 2001 passierte sicher noch viel mehr, was bedeutend für die Menschheit war. Aber das war woanders. Denn mittlerweile war ich in in irgend einer Zeile des Informationsmaterials, das mir Frau Wiedemer vom IGPP zugeschickt hatte, auf den Begriff Remote Viewing gestoßen. Ich hatte etwas Neues entdeckt. Also begann ich, so viele Bücher zu lesen, wie ich kriegen konnte. Dann stürzte ich mich kopfüber in das Thema und übte und lernte und übte und lernte und Anfang 2002 begann ich mich zu fragen: Sind die Daten auch zu etwas nütze? Ist diese Methode eigentlich zu etwas nütze? Kann man damit auch etwas anfangen? Vor allem, konnte ich damit etwas vernünftiges anfangen?
Im April 2002 wollte ich das testen.

Als die Polizei eintraf, vier Minuten später, waren die Einbrecher bereits weg. Mit ihnen neun expressionistische nGemälden, so stand es in der Zeitung, und Beute im Gesamtwert von 3,66 Millionen Euro. Gestern Morgen, es war der 20. April, war im Berliner Brücke-Museum eingebrochen worden. Der Einbruch hatte nur wenige Minuten gedauert und war kein wirkliches Meisterstück, nur wusste das zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Alle hielten die Täter für Profis und wähnten die kostbaren Gemälde für immer verloren. Die Überschrift im Tagesspiegel an diesem Morgen lautete: "Reiche Beute, leichte Beute." Von den gestohlenen Gemälden war außerdem nur eines versichert. Scheinbar eine übliche Praxis der Landesmuseen, aufgrund astronomisch hoher Versicherungsprämien. Natürlich rechnete ich damals nicht, die Täter oder die Gemälde zu finden. Aber ich dachte, vielleicht ist es ganz spannend so zu tun, als ob. Irgendwann wird man die Täter erwischen. Und dann, so dachte ich, überprüfe ich, wie dicht ich dran war. Das war ein guter Test, ob sich mit diesem Remote Viewing etwas Vernünftiges anfangen ließ.

Mit dem Faktor Zeit hatte ich mich nie auseinander setzen müssen, jedenfalls nicht beim Remote Viewing, dann fing ich aber an, mich mit diesem Brücke-Raub zu beschäftigen. Plötzlich musste ich meine Zettelwirtschaft völlig neu organisieren. Immerhin wollte ich so viele Daten zusammentragen, wie möglich, und zwar bevor die Täter gefasst werden und nicht erst hinterher. Aber wie schnell war die Polizei? Drei Tage, drei Wochen? Monate? Lohnte sich der Aufwand für mich überhaupt? Zwar saßen die Täter, was natürlich niemand wusste, nicht weit entfernt von mir auf den teuren Gemälden und wussten nicht so recht wohin damit. Aber ganz so schnell konnte die Polizei dann doch nicht. Teil um Teil wurde das Puzzle zusammengebastelt, um den Hergang der Tat zu rekonstruieren. Die Täter waren keineswegs so professionell wie man zunächst annahm. Drei Tage nach der Tat hatte die Polizei das Auto entdeckt. Witere zwei Tage später eine Plastiktüte mit den Rahmen der Gemälde. Nach und nach ließ sich so der Fluchtweg der Täter nachzeichnen.

Ich saß derweil zu Hause und legte mir einige DIN A4-Blätter mit verschiedenen Zielvorgaben an. Je Zettel eine Frage. Ich faltete die Zettel. Jedes Blatt kam in einen braunen Briefumschlag. Etwa ein Drittel der Fragen betrafen den Einbruch selbst. Die übrigen Umschläge enthielten Fragen oder Fotos zu Trainingszwecken. Wenn man Remote Viewing nicht gerade hauptberuflich betreibt, dann ist der Zeitdruck tatsächlich ein Problem. Sollte ich die braunen Umschläge mit den Fragen irgendwo zwischen andere Targets stecken? Sollte ich warten, bis ich irgendwann den richtigen Umschlag ziehe? So viel Zeit hatte ich nicht. Andererseits durfte ich nicht wissen, woran ich arbeitete. Interpretationen, Annahmen, Schlussfolgerungen. Ich wusste um diese Probleme. Nur hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie man das alles in den Griff kriegen kann. Deshalb beschloss ich den Zeitdruck zu ignorieren. Und wenn die Polizei die Täter schnell finden würde - Pech. Die Umschläge auf einen großen Stapel zu packen war ohnehin nicht ratsam. Wochen vorher ich entdeckt, dass die "Targets" sich verhielten wie mein Wollschal, wenn er zu lange in unserer antiken Eichenkommode im Wohnzimmer lag. Irgendwann roch der Wollschal nicht mehr nach Wollschal roch, sondern nach Dunkeleicheantik. Mit den Target-Umschlägen verhielt sich das ähnlich. Sie "färben" ab. Wohl jeder, der sich mit Remote Viewing befasst, hat das Problem des Abfärbens schon mal erlebt. Die Umschläge liegen irgendwo gestapelt, man nimmt einen heraus um daran zu arbeiten, und wenn man das Ergebnis später betrachtet, fällt plötzlich auf, dass sich Daten untergemischt haben, die aus einem Umschlag stammen, der unmittelbar darunter lag. Oder die Daten mehrerer Umschläge (deren Inhalt) mischen sich. Die Information aus dem Zielgebiet mischt sich. Wenn ich zum Beispiel einen Umschlag mehrmals verwendete, arbeitete ich plötzlich an drei Targets gleichzeitig, ohne es zu wissen. Am Ende war die Arbeit für die Katz. Um also auszuschließen, dass später alles nach antikem Eichewollschal roch, tat ich folgendes: ich pinnte die Umschläge einfach mit Reißzwecken an die Wand in meinem Arbeitszimmer. Eine Nummer schrieb ich erst auf den Umschlag, wenn ich einen von der Wand nahm. Das schien zu funktionieren.

Was einen Monat später zur Aufklärung des Diebstahls führte, waren nicht meine Viewings. Es war die solide, akribische Arbeit der Kunstspezialisten des Landeskriminalamtes und der Kripo. Gelobt wurde in der Presse auch die reibungslose Zusammenarbeit mit der Justiz und vor allem die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Fahndung. Einer dieser Hinweise aus der Bevölkerung führte schließlich zu den Tätern. Viele glaubten die Bilder schon auf nimmerwiedersehen in Sammlerkellern in Hongkong oder Kiew verschwunden. Man fand sie aber gleich bei mir um die Ecke, im Stadtteil Mariendorf. In der Zeitung war auch eine Straße genannt. Ein paar Viewings hatte ich beisammen, also packte ich meine Unterlagen zusammen und fuhr mit meiner Frau dort hin.
Der Stadtteil Mariendorf liegt im Süden Berlins. Meine Zeichnungen wiesen auf etwas hin, dass ich als ein "Riesending" auf Schienen betitelt hatte. Ich suchte etwas Fabrikähnliches. Denn in meinen Beschreibungen gab es sehr viele schwere Metallteile, lachende Arbeiter, blaue Overalls. Allerdings wichen mehrere Notizen auch merklich ab. Hier hatte ich Mäntel auf der Stange, wie in einer Wäscherei oder einer Garderobe. "Oper" vermerkte ich als Gedankenstütze. Des weiteren beschrieb ich den Eindruck eines Gebäudes von innen mit einem Treppenaufgang, halbgeschossig. Ich erinnere mich noch genau, was passierte, als ich in diesem Moment die Augen schloss. So etwas war mir bis dahin noch nicht passiert. Ich hatte - wenn man das so nennen kann - ein klares Bild sehr vieler Menschen in diesem Gebäude mit Treppenaufgang. Allerdings bestanden die Personen aus sich bewegenden Teilchen. Schwarzweiß. Ähnlich dem Schnee auf einem Fernseher. Witzigerweise interpretierte ich die Gesellschaft als Swingerclub, weil ich keine Kleidung wahrgenommen hatte... Zwei Personen, eine Frau und einen Mann beschrieb ich etwas genauer, Alter, Haarfarbe, Statur. Außerdem vermerkte ich einen Bugatti.

Eine Fabrik, dachte ich, mit einem Riesending auf Schienen, die wird ja nicht so schwer zu finden sein. Und den Swingerclub in dem Gebäude mit der breiten Treppe finden wir vielleicht auch. Wir fuhren die Straße auf und ab, wo die Polizei die Bilder sicher gestellt hatte. Es war eine sehr lange Straße. Viel haben wir nicht gefunden. Das meiste ließ sich nicht überprüfen, weil ich ja hauptsächlich die unmittelbare Umgebung der Gemälde geviewed habe. Aber in zwei von vier Sitzungen tauchte dieses Fabrikgelände wieder auf. Das fanden wir dann auch. Ich hatte einen vagen Grundriss von einigen Elementen gezeichnet. Ein Silo, ein Zaun, ein paar Kiefern etc. Das Kuriose kommt erst noch. Wir beendeten die Suche - allerdings mit einem Gefühl, wie wenn man das Haus verlässt und meint, etwas vergessen zu haben. Man weiß nur nicht genau, was . Wir wendeten den Wagen und fuhren die Straße rauf.
"Halt mal an!" sagte ich.
Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine Kirche.
Vor der Kirche stand ein weißer Bugatti an der Straße.
Und dann hatten wir einen kleinen Aufmarsch von echten Zufällen. Der Swingerclub entpuppte sich als Hochzeitsgesellschaft. Eine Frau und ein Mann standen vor der Kirche auf einem (halbgeschössigen) Treppenaufgang. Ich konnte aus der Entfernung nicht erkennen, ob einer der beiden meiner Beschreibung ähnelten. Immer mehr Personen kamen aus der Kirche und schoben sich auf die Treppe. Ob es drinnen eine Garderobe gab, konnte ich nicht prüfen, aber alle waren bekleidet. Nach einem Swingerclub sah das nicht aus. Aber es gab schon einige interessante Übereinstimmungen. Und das mit dem Bugatti war schon eine kuriose Sache.
Ich habe später beim Kraftfahrtbundesamt nachgefragt. Bugatti hat den Schlüssel 3000. Wie viele Bugattis es in Berlin gibt, konnte mir die Dame von der Abteilung Statistik nicht sagen. Es sind einfach zu wenige. Aber im gesamten Bundesgebiet gibt es 53 Stück. Diese Zahl stammt vom ersten Januar 2003 und schließt auch jene 18 Bugattis mit ein, die derzeit stillgelegt sind. Wir waren also über einen von 35 in Deutschland noch fahrenden Bugattis gestolpert. Das nenne ich doch mal einen glücklichen Zufall. Wenn man etwas länger drüber nachdenkt, was da genau passiert ist... Ich fahre an einen Ort aufgrund eines Zeitungsberichtes. Und wegen meiner Notizen. Ich bin auf dem Rückweg und passiere eine Szene. Derer werde ich nur Zeuge, weil in der Zeitung stand, wo man die Täter verhaftete. Nur deshalb fuhr ich dort hin. Was ich zum Zeitpunkt, als ich die Notizen machte, aber alles noch gar nicht wissen konnte. Wenn man etwas länger über diesen Vorgang nachdenkt, macht das etwas huschig im Kopf. Eine schlüssige Erkärung für solche Vorgänge liefert bis heute niemand. Auch ich nicht. Eines weiß ich allerdings. Ich werde mir von diesem Buchhonorar keinen weißen Bugatti kaufen. So ein Auto ist zu auffällig. Aber es war gut, dass wir doch noch auf den Bugatti und die Hochzeitsgesellschaft getroffen sind. Denn das Gefühl, wie wenn man meint, etwas vergessen zu haben, das war jetzt weg.

Ich glaube, es war der Bugatti-Effekt. Und sicher noch ein paar andere Vorkommnisse, aber alles zusammen genommen stellte plötzlich eine so massive und asymmetrische Bedrohung für meine bisherige Weltanschauung dar, dass sie zusammenbrach, die Anschauung. Im Grunde ist Remote Viewing eine feine Sache. OK, da war das mit der Bombe, dann der Bugatti-Effekt und vielleicht noch ein paar andere Nebenerscheinungen. Ansonsten kann man mit der Methode aber eine Menge erleben. Nur irgendwann kommt der Punkt, da fühlt man sich wie ein Marathonläufer bei Kilometer Dreißig, und dieser Punkt, der kam bei mir etwa mit diesem Projekt. Joe McMoneagle nennt das Make or Brake-Stages. Entweder man macht weiter oder man scheitert. Jeder Viewer kennt das; der Freundes- und Bekanntenkreis ist verwirrt und man selbst versteht die Welt nicht meh; man produziert Daten, die man nie für möglich gehalten hätte, dann wieder fühlt man sich wie der letzte Anfänger und überhaupt - das gesamte Leben ist auf den Kopf gestellt; dann kommt die Mauer. Der Einbruch. Vertigo. Gleichgewichtsstörung. Willkommen im Club. Das nennt sich Remote Viewing. Da gehen Ehen kaputt, da werden Jobs geschmissen, da zieht man um; und wäre es nicht toll, wenn man in dem Moment wüsste, dass daraus etwas Neues wächst? Wäre es nicht gut zu wissen, dass man danach eine phantastische Zeit haben kann? Wäre doch praktisch zu wissen, dass es einem nicht den Kopf sprengt; aber so ist das wohl, wenn Großreinemachen angesagt ist, hast du erst mal nur damit zu tun, dich von den vielen lieb gewordenen Sammlerstücken zu trennen, um Platz zu schaffen für neue Überzeugungen. Da hilft scheinbar nichts. Wenn man da durch ist, wird alles gut.
Nun, sagen wir fürs Erste.

Remote Viewing Backstage sozusagen. Hier eine Begebenheit am Rande, an der meine bekannte Anette ihre helle Freude hätte; denn in Wahrheit ist es doch so: die spannendsten Viewer-Geschichten enthalten a)große Gefühle b)Schmerzen und c)Action - aber nicht nur Anette, sondern auch die Presse. Womit wir beim zweiten Grund wären, warum so eine Stelle in ein Buch wie dieses gehört. Aus den folgenden Zeilen lässt sich jede Menge reißerisches Material ziehen. Dieses Material steht in keiner Weise repräsentativ für Remote Viewing (weil grotesk und irritierend), es hat aber gerade genug mit Remote Viewing zu tun, um es damit auf halsbrecherische Weise in Verbindung zu bringen. Stichwort: Begleiterscheinungen. Poah! Jetzt macht der die Gruselkiste auf, wird mancher sagen. Sag ich: das gehört auch dazu. Unsere Bekannte Anette zum Beispiel kennt sich nicht besonders aus mit Remote Viewing, aber Anette stirbt für gute Geschichten. Anette mag's gern ein bisschen blutig. Doch doch. Ein wenig Emergency Room-Anstrich darf es schon haben. In diesem Punkt tickt Anette ein bisschen wie die Boulevard-Presse, man müsste sogar sagen: wie der Großteil der Presse überhaupt. Wenn ich Anette berichte, was ich so mache, dann möchte sie keinesfalls hören dass Remote Viewing eine nüchterne Angelegenheit sei, sie will alles hören, was den Geruch von Target-Trauma trägt. Oder den Akte-X-Stempel. Am besten aber beides. Wenn Anette beim Zuhören Fingernägel kauen muss, ist das genau richtig für Anette.
Alles andere ist weichgespültes Zeug.

Deshalb ein Warnhinweis: Behalten Sie den Inhalt der nächsten Seiten für sich. Sie gefährden damit Unbeteiligte und verfälschen das Bild des Remote Viewing in der Öffentlichkeit. Vielen Dank.
Die Geschichte ist die. Mit Begleiterscheinungen meine ich überraschende Nebeneffekte, die manchmal so nicht vorhersehbar sind und auch gar nichts mit Remote Viewing zu tun haben, die aber dennoch auftauchen, bei dem einen so, beim nächsten anders, wir kennen das. Nachdem ich mich mehrere Monate intensiv mit Remote Viewing beschäftigt hatte, fühlte ich mich eines Morgens ziemlich müde und schlaff. Es war ein Morgen wie jeder andere und nun ist das für einen Vater zweier Kinder und in einer Stadt wie Berlin noch nicht ungewöhnlich, mal ein wenig durchzuhängen. Im Gegenteil. Ist eher normal; manchmal fühlt man sich wie in einem nicht enden wollenden Jet lag. Aber dies hier war etwas Anderes. Am Abend verließ ich pünktlich (was selten vorkam) die Agentur. Ich schwang mich aufs Fahrrad und ab nach Hause, die Beine waren müde. Das wird's sein, dachte ich: übertrainiert. Jeden Morgen Laufen, jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und zurück, den Kopf in der Agentur anstrengen, dann noch Remote Viewing, ständig mit dem Unterbewusstsein streiten, da streikt jeder Körper irgendwann, verlangt nach Vitaminen, Eiweiß, Kohlenhydraten und Bier. Bier hatte er schon. Um 18 Uhr 30 saß ich immer noch mit Launenkrebs herum. Nichts schien zu helfen. Da braut sich was zusammen, dachte ich, also ab in die Badewanne. Du sitzt in der Wanne, sagt meine Frau, dann muss es ja schlimm sein. Mir geht's eigentlich gar nicht schlecht, sage ich, nur irgendwas stimmt nicht. Um 20 Uhr lag ich bereits zehn Minuten im Bett. Draußen war es noch hell, meine Stimmung blieb düster. So schlief ich ein, zwei Stunden tiefer Schlaf. Als ich um 22 Uhr erwachte, war es draußen dunkel. Meine Laune hatte sich keinen Deut gebessert. Ich schloss die Augen und dachte, gut, wenn da was im Anmarsch ist, dann kann ich doch nachgucken, klappt ja sonst auch: Ich sage wann der Regen aufhört, ich kriege Parkplätze wo und wann ich will (Quote etwa zwanzig zu eins), finde Gold in Mutters Sessel und Fernbedienungen, die mein Sohn in Schuhen versteckt hat. Da wird sich doch herausfinden lassen, wo die Ursache für diese fiese Stimmung sitzt. Also meditiere ich ein bisschen. Zwischen Wachen und Schlafen sind die Bilder immer am deutlichsten. Irgendwann muss ich dann wohl eingeschlafen sein. Der Körper schlief, aber der Geist, das Unterbewusstsein, arbeitete weiter an der Frage, was sich da wohl gerade zusammenbraut und wo die Ursache für das Übel sitzt. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo oder wie ich mich in die weiteren Geschehnisse eingeloggt habe.

Gegen halb elf wurde ich von meinem eigenen lautstarken Ausdruck der Überraschung aus dem Schlaf gerissen, ich saß auf der Bettkante, zitterte und schwitzte. Mir war nicht ganz klar, ob ich wach bin, da ich das Gefühl hatte, zu träumen. Ich schaltete das Licht an, der Verstand hinkte noch etwas hinterher, aber reden konnte ich schon: "Ich hab das Gefühl ich müsste helfen. Aber ich kann nicht helfen", sagte ich. Mehr fiel mir im Moment nicht ein. Stattdessen hielt ich meiner Frau einen Arm hin, Haut und Haare standen so hoch, als hätte sie ein Comiczeichner entworfen. Langsam sammele ich mich und war wieder zu vernünftigen Äußerungen fähig. "Ach-du-Scheiße", war eine der ersten. Ich brauchte Bewegung und ging ins Wohnzimmer. Mach mal den Fernseher an, sagte ich, ich lief im Raum auf und ab und hatte so viel Adrenalin im Kopf, dass ich laut darüber nachdachte, die Jungendstilkommode herumzutragen. Oder mit dem Kopf durch die Wand, das wäre eine durchaus akzeptable Alternative. Nichtstun schien gar nicht angebracht. Mir kamen (und ich sagte sie auch) komische Sätze in den Sinn, die keiner verstand, auch ich nicht. Etwa: "Wir müssen bis Mitternacht warten."
Das führte auf beiden Seiten zu noch mehr Unverständnis. Mittlerweile war es viertel vor Elf. Im Fernsehen gab es keinen Hinweis, was das alles soll. Ich beschloss, dass ich ohnehin nichts tun könne und zähle drei Möglichkeiten auf; erstens, es gibt neue Anschläge (man bedenke, wir standen alle noch unter den Eindruck der Anschläge vom 11. September), zweitens und drittens, die Agentur (mein Arbeitgeber) hat gerade den größten Kunden verloren oder ist abgebrannt. Andere Dinge kommen scheinbar nicht in Frage. Diese Gesamtsituation war etwas ungewohnt für mich. Da im Fernsehen immer noch nichts berichtet wurde, dass meine These bestätigte, legte ich mich wieder ins Bett. Schlafen? Fehlanzeige. Auch sonst war ich mit dem Gesamtergebnis unzufrieden, ich ging auf den Balkon, stand so herum und warte auf den großen Knall um Mitternacht. "Es beginnt mit einem großen Knall." Dieser Wortlaut ging mir die ganze Zeit durch den Kopf. Formulierungen wie diese, das habe ich als Remote Viewer lernen müssen, muss ich mir merken. Sie kommen nie von mir. Sie liegen einem auf der Zunge, ich äußere sie nur. Fünf nach Zwölf war immer noch nichts passiert. Die Unruhe legte sich. Ich schalte wieder den Fernseher ein.

Die Nachrichtensendungen berichteten über einen Selbstmordanschlag im Süden Tel Avivs. Den ersten seit Juni. Augenzeugen berichteten, die beiden Attentäter hätten die Sprengsätze gegen 22 Uhr vor einem überwiegend von Gastarbeitern besuchten Café in Tel Aviv gezündet. Und: Es begann mit einem großen Knall. Erst einer. Und als Leute den Opfern helfen wollten, der andere. Zwei Täter hätten nur etwa 15 Meter entfernt voneinander gestanden. Bei SPIEGEL-online berichtete später ein Zeuge: "Es gab zwei Explosionen innerhalb von weniger als einer halben Minute. Nach der ersten Explosion sah ich, wie ein Mann durch die Luft flog. Ich ging sofort hinter einem Stromkasten in Deckung. Dann gab es die zweite Explosion. Ich sah fünf oder sechs Menschen da liegen, in Stücke gerissen." Im Fernseher sah man die Menschen, wie sie sich an der Absperrung drängelten. Sicher hatte der eine oder andere gedacht: Er müsste helfen. Aber ich kann nicht helfen. Man suchte immer noch nach weiteren Bomben. Ich schaltete den Fernseher ab. Endlich konnte ich schlafen.

Was ist denn mit dem Erlebnis an sich? Remote Viewing macht Spaß; was ist damit - mit dem Spaß an der Sache? Mag ja sein, aber ich sage jetzt mal was Ketzerisches: Wozu der ganze Trainingsaufwand, wenn die Polizei mit klassischen Methoden am Ende doch weit schneller ist? Wozu Remote Viewing lernen? Was soll ich damit anfangen? Wo ist der praktische Nutzen, wenn ich damit nicht mal ein paar gestohlene Bilder finden kann? Denn genau das war ja mein erstes Projekt: Gestohlene Bilder nicht finden.
"Wie ernüchternd die Möglichkeiten von Remote Viewing doch häufig sind", sagte Anette Wiedemer in einem späteren Telefonat. Und sie hat Recht. Ich selbst bin eingefleischter Skeptiker. Die Möglichkeit des Scheiterns ist mir oft näher, als der große Erfolg. Ich muss zwar nicht verstehen, was beim Remote Viewing vor sich geht, so lange es funktioniert. Aber funktioniert es auch? Wir wissen alle, wie einfach der Mensch sich selbst bescheißen kann, ohne es zu merken. Wenn es auf Ergebnisse ankommt, bin ich deshalb sehr skeptisch. Wir sprachen unter anderem auch über unseren kleinen Telefontest von damals. So weit ich mich erinnere, hatte sie damals, nach unserem Telefonat, Ihren Schlüsselbund neben einen anderen Gegenstand ins Regal gelegt. Der Test bestand darin, dass ich versuchen wollte, ob ich in der unmittelbaren Umgebung des Schlüssels andere Gegenstände zu benennen in der Lage bin. Leider hat Anette Wiedemer sich seinerzeit über unser Experiment keine Notizen gemacht. Aber sie konnte sich ebenfalls daran erinnern, dass ich von mir aus einen Schlüssel benannt hatte. Sie sagte: "Ich hatte meinen recht imposanten Schlüsselbund vor mir auf dem Schreibtisch liegen", ein Autoschlüssel sei (und war damals) jedoch keiner mit am Bund. Sie erinnerte sich auch daran, dass das ausgewählte Zielobjekt ein anderes als der Schlüssel war. Was sie tatsächlich damals ausgewählte, erinnerten wir beide nicht mehr. Frau Wiedemer kann sich noch deutlich daran erinnern, dass ich ihr erzählte, ich würden in meinen Experimenten oftmals den Gegenstand neben dem ausgewählten Fokusobjekt treffen. "So gesehen", schrieb sie mir in einer Mail, könne ich das Experiment zwar als gelungen interpretieren, "den Regeln der empirischen Forschung entspricht das jedoch nicht, da wäre der Versuch eindeutig kein Treffer."

Ich sprach mit Frau Wiedemer auch über Remote Viewing und Polizeiarbeit. Denn ein verloren gegangenes Schmuckstück zu finden - O.k., da mag der Selbstbetrug keine große Bedeutung haben. Doch wenn zwei Polizeibeamte plötzlich aufgrund meines Hinweises bei einer alten Dame vor der Tür stehen, weil sie den Täter suchen, den ich beschrieben habe, sieht das schon anders aus. Sofern man noch alle beisammen hat, muss man sich des öfteren kritisch fragen, ob das alles so richtig ist, was man da tut. "Kill Your Darlings", sagte Billy Wilder einmal in einem Interview mit Volker Schlöndorff. Wilder war der Auffassung, man müsse ein (Film-)Script hinterfragen und bereit sein, auch solche Figuren oder Szenen zu streichen, die einem besonders am Herzen liegen - um weiter machen zu können.
Das erste Opfer beim Remote Viewing. Die Euphorie.

Die Ernüchterung, von der Frau Wiedemer sprach, kommt wohl spätestens in dem Moment, wo einem klar wird, das so einiges zwischen dem steht, was man mit Remote Viewing machen könnte und dem, was man damit tatsächlich zustande bringt. Eines der ersten Gefühle, dem der Remote Viewer beim Remote Viewing begegnet, ist die Euphorie. Natürlich ist da noch eine ganze Menge mehr, aber euphorisch werden, das konnte ich als Viewer schon ganz früh. Aber warte mal, warte mal! sagte kürzlich ein Bekannter zu mir, und mit Remote Viewing könne man doch wirklich beeindruckende Daten zutage fördern, und man müsse denen doch mal zeigen und so weiter. Weißt du was, habe ich zu meinem Bekannten gesagt, versetz dich doch mal in die Leute: wärst du bei der Kripo und müsstest Straftäter finden und jemand käme mit hundert Seiten höllisch beeindruckender Remote Viewing Daten, mit denen sich der Täter auch nicht finden lässt - was würdest du denn machen? Man kann den Leuten nicht verübeln, wenn sie dem Remote Viewer raten, es damit lieber mal in der Oliver-Geißen-Show zu versuchen. Denn warum sollten die sich von Daten beeindruckt zeigen, die ihnen nichts nützen?


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